Belgisches Staatsarchiv

Hüter unserer kollektiven Erinnerung

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Erfolgreicher Collection day im Staatsarchiv in Eupen und im Museum in St Vith

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31/03/2017 - Akquisitionen - Veranstaltungen - Staatsarchiv in Eupen

Europeana wies den Weg: nicht der einzige Anreiz für das Staatsarchiv in Eupen, auf ostbelgischer Ebene einen “Collection day” anzusetzen. Das Zentrum für Ostbelgische Geschichte (ZOG) und das Staatsarchiv in Eupen wollen ihre bisherigen Erkenntnisse verbreitern, unter dem Blickwinkel der „Annäherung an den Menschen“. Das Medienecho war groß, und die Bürger kamen bereitwillig.

Der 100ste Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs hat die historische Erinnerung der Ostbelgier, die bisher vor allem auf Ardennenschlacht (Rundstedtoffensive), die Kriegsschäden, die Zwangssoldatenproblematik und die Repression fixiert war, erweitert. Im Vorfeld hatten das Staatsarchiv Eupen und das Regionalzentrum im Kontakt mit Presse, Rundfunk und Fernsehen betont, dass nicht nur Dokumente über die beiden Weltkriege, sondern auch über die Zeit davor und danach gewünscht waren. Am letzten Samstag fanden etwa 50 Leute den Weg in die beiden Sammelstellen. Im Vorfeld waren schon einige Dokumente abgegeben worden, auch in den Tagen nach dem eigentlichen Collection day kamen noch Dokumente hinzu.

Etwa 30 Personen gaben Dokumente ab, als Schenkung oder als Dauerleihgabe. Einige wenige Personen hinterließen ihre Dokumente zur Digitalisierung. Erfreulich war, dass es auch Besucher gab, die erst mehr über die Initiative erfahren wollten, vor Ort dann aber wachsendes Interesse zeigten.  

Die Palette der abgegebenen Dokumente war vielschichtig. Meist ging es um Egodokumente wie Fotos, Alben, Bilderrahmen, diverse Ausweise, Soldbücher, Grenzpässe, Zeugnisse, notarielle Akten aus der Periode der beiden Weltkriege und der Zwischenkriegszeit. Militärische Ausbildung und der Krieg bleiben die wichtigsten Themen: dabei als Highlight einige Kriegstagebücher von der Ostfront aus dem Zweiten Weltkrieg.

Die wenigen Dokumente aus der unmittelbaren Nachkriegszeit betreffen vor allem den Wiederaufbau, kaum die „Säuberung“. Interessant sind auch einige Dokumente aus dem reichen Vereinsleben (Vereinschroniken), aus dem kirchlichen Leben (private Dokumente eines Pfarrers und religiöse Bücher) und aus dem Schulwesen. Gerade die Schulhefte und Schulbücher sind eine Fundgrube: geben sie doch Einblicke in die Absichten der wechselhaften Staaten, Neubürger zu Staatsbürgern zu machen. Einige Zeugnisse aus der Berufswelt geben Aufschluss darüber wie die hiesige Bevölkerung an die Verbandsstrukturen neuer Heimatländer herangeführt wurden, wie etwa den „Boerenbond“. Soziologisch interessant sind Zeugnisse aus den Bereichen des kulturellen Lebens und der Freizeit (Bücher, Reisealben, diverse Veranstaltungen). Die abgegebenen Quellen ermöglichen einen neuen Blick auf den Alltag der Menschen in Ostbelgien im Laufe der Jahrzehnte. Bilder und Erinnerungsorte (wie Holzkästchen, Handtaschen oder Kartons) unterstreichen die persönliche Note der Inhalte, die nun gesichtet, bewertet, inventarisiert und z.T. eingescannt werden.

Das Glanzstück des ersten Collection day waren aber Teile des persönlichen  Archivs eines nicht unumstrittenen, aber einflussreichen Politikers aus der Zeit zwischen 1930 und 1950, also der prägenden Zeit früh-ostbelgischer Geschichte: Karl Weiss vertrat die Sozialistische Partei, nach 1919 war die Partei bis 1933 offen revisionistisch, ein Feindbild während der national-sozialistischen Unterwanderung, und als gottlos verschrien in der Monopolpresse der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Diese unterschiedlichen Dokumente dokumentieren die ostbelgische Gesellschaft im 20. Jahrhundert und bilden für die Historiker eine unerlässliche Ergänzung zu den vorwiegenden amtlichen Quellen in den Staatsarchiven.

Wir wünschen uns noch oft einen „Frühjahrsputz“ auf ostbelgischen Speichern.     

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